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Mein Bushnaq, mein Spiegelbild
Ich mag über meine Ärzte schreiben. Ich will, dass möglichst mehr Menschen sie kennen lernen. Lernen, WIE sie sind. Gott sendet mir auf meinem Weg richtig unglaubliche Ärzte. Vielleicht ist es deswegen so schwer, über sie zu erzählen? Z.B. versuche ich schon seit einem halben Jahr, über meinen Herzchirurg aus Halle Dr. Bushnaq zu erzählen. Über den Menschen, der mich einfach zum Sterben schicken nicht konnte, über den Arzt, der mein Leben in der schwierigsten Situation rettete. Ja, nämlich so, über den Arzt und den Menschen, denn er ist in beiden Entwicklungen einzigartig.

Als ich den Befund der PET-Untersuchung bekam und erkannte, dass die Infektion im Herzen liegt, gab mir Dr. Bergter einen Zettel mit dem Namen vom Herzchirurg und sagte: „Zu ihm am Freitag, um 8:00 Uhr". Ich war in so einem Schock, dass ich sogar auf den Namen nicht guckte. Erst zu Hause sah ich den Zettel und las: „Dr. Hasan Bushnaq". HASAN, o mein Gott, ein Ausländer! Meiner Erfahrung nach ist es oft so, dass die Ausländer kein Englisch sprechen. Wir mussten die Sekretärin anrufen, und sie sagte stolz, dass ihr Chef Englisch perfekt spricht.

Am Freitag saß ich in die vereinbarte Zeit bei der Ambulanz. Nach der Erzählung von Dr. Bergter wusste ich: Dr. Bushnaq sei ein Oberarzt und überhaupt ein Super-Puper-Spezialist. Ich wusste auch, dass es in deutschen Kliniken Ärzte „über 50" ziemlich selten gibt, erwartete trotzdem, dass „Super-Puper" zu 50 nah sei. Ich war also total erstaunt, als aus dem Flur ein junger Mann kam und sich als Dr. Bushnaq vorstellte! Etwas gebräunt, mit kurzen dunklen Haaren und dem ausdrucksvollen Gesicht. Blaue Jeans, weißes T-Short und darauf ein enger, bis zum Hals zugeknöpfter Kittel. Perfekte Haltung. Und ein Schlüsselbund, mit dem er rhythmisch auf die Handfläche tippte. 

- Mich riefen gestern Kollegen aus Nuklear-Medizin wegen dir ganzen Tag an. – Dr. Bushnaq hat wirklich gutes Englisch. Er las den Befund und runzelte die Stirn immer mehr. Und immer langsamer wurde der Rhythmus, den er mit Schlüsseln schlug. Er führte den Blick vom Computer auf mich, kniff die Lippen ein und blickte hinunter.

- Der einzige radikale Weg der Heilung wäre, die Elektrode zu entfernen, – sagte er, ohne aufzublicken. – Für dich wäre das aber zwischen „wahnsinnig riskant" und „unmöglich". Du bist zu krank, so eine Operation zu überleben.

- Und ohne die Operation? – fragte ich.

- Ohne? Wenn ich jetzt absage, hast du noch Zeit, nach Hause zurück zu kehren. Ist bei dir zu Hause jemand geblieben? – ich nickte. – Du schaffst, noch einige Zeit mit Verwandten zu sein und dich zu verabschieden.

- Ich will mich nicht verabschieden, ich will leben, – murmelte ich fast zu mir selbst. Er blickte kurz auf mich und dann wieder auf den Boden.

- Hast du einen Arzt, der Antibiotika auswählen und die Therapie kontrollieren könnte?

- Ich habe niemanden. Mir sagen alle ab. Mir sagte die Klinik ab, die den AICD implantierte. Mir sagten mehrere andere Kliniken ab. Mir sagen alle, dass ich beurteilt sei. Und ich versuche, einen Ausweg zu finden… – wieder ein kurzer Blick auf mich.

- Ok, ich denke darüber nach. Komm am Montag… 

Die nächsten zwei Wochen kam ich zu ihm kaum nicht jeden Tag. Ich stieg um 6:00 Uhr auf, fuhr in die Klinik zu 8:00 Uhr und sprach mit ihm fünf Minuten. Darüber, dass ich die Operation nicht überlebe, dass das Beste in meinem Fall wäre, alles so zu lassen wie es ist. Aber immer endete er das Gespräch mit dem Satz: „Ich denke noch nach. Komm morgen"... Und ich kam immer wieder. Ich hörte, dass ich die Operation nicht überlebe, aber ich kam. Weil ich wusste: wenn er eindeutig gegen der Operation wäre, hätte er schon abgesagt. Da er sagt: „komm" – zweifelt er. Und sein Zweifel war die einzige Hoffnung auf meine Rettung!

Manchmal war es mir schwierig mit ihm. Er lässt zu sich nicht nah – sowohl buchstäblich als auch im übertragenen Sinn. Normalerweise sprachen wir im Zimmer, wo er im Bürosessel saß und ich – an der anderen Seite des Tisches im Rollstuhl. Jeweils, wenn ich mich neigte oder die Hand auf den Tisch legte, stieß er sich sofort vom Boden mit dem Fuß ab und rutschte mit dem Stuhl zur Ecke. Ich sah, dass er ehrgeizig ist, dabei aber sehr vorsichtig. Ein Fanatiker, der täglich mehrere Stunden im OP steht; einer aus wenigen in Europa, der „auf Fließband" Hilfsherzen implantiert, wobei aber an keine Größenwahn leidet.

Danach war eine ethische Kommission… Einwilligung für die Operation… ein sehr langes Gespräch mit Bushnaq. „Dir wird es gut, du stirbst! Und ich?" Dieser Satz von ihm ist in meinem nächsten Freundeskreis eine Schlagphrase geworden.

Direkt vor der Operation brachte ich ihm den Befund von meinem Hämatologen aus Regensburg. Er las den Brief, mit den Schlüsseln klopfend, und… und fror plötzlich unbeweglich. Ich verstand: das sei Schluss, er storniert gleich alles!

- Es ist doch alles nicht so furchtbar, wie es im Brief steht, – versuchte ich, die Situation zu retten.

- Oh, ich bin nicht sicher, dass wir die richtige Entscheidung trafen… – er guckte auf mich immer noch nicht. Ich kam zu ihm ein paar Mal pro Woche schon seit einem Monat, diese ganze Zeit sprach er aber mit mir, ohne aufzublicken.

- Was bedeutet „nicht sicher"?! Die Entscheidung wurde getroffen! Schluss, wir denken nicht mehr nach, wir operieren! – „fuhr" ich auf ihn auf. Nach solcher Frechheit blickte er sogar kurz auf und lächelte. Ja, sein Lächeln sah ich zum ersten Mal nach diesem ganzen Monat.

- Ja… okey… Sag mal: hast du diesen Befund vorher absichtlich nicht gezeigt? Damit ich nicht absage? – das fragte er ohne Beleidigung, sondern mit Verständnis… Mit Verständnis, dass ich darauf wagen konnte, weil mir alle und immer absagen. Um meine Chance zu bekommen. Zu diesem Moment wusste er schon: ich greife jede Chance und kämpfe dafür bis zum Letzten.

Danach war die Notaufnahme mit der Lungenblutung… Bushnaq kam zu mir vor der Operation nicht, sogar für eine Minute. Aberglaube? Zurückhaltung? Schuldgefühl für die Zeitverzögerung? Ich weiß nicht… Vielleich war es ihm so leichter, mich nicht zu sehen… Die Entscheidung wurde getroffen und „komm morgen" ist nicht mehr aktuell geworden…

Durch Narkose erinnere ich mich an sein Gesicht nächsten Morgen nach der Operation. Er stand bei der Tür und sein Blick sagte: „Mein Gott, was habe ich getan!" Komplikationen, über die er mich warnte, sind aufgetreten. Und er konnte das nicht ändern… man musste einfach warten und hoffen, dass ich mich aus der Klemme ziehe. Und ich habe ausgelebt… Als Bushnaq nach zwei Wochen aus Urlaub zurückkehrte, „sprang" ich fröhlich in der Abteilung. Dann guckte er mir zum ersten Mal in die Augen. Und lächelte. Und als ich sagte: „Dass ich lebe, ist ein Wunder. Und es haben Sie gemacht", – guckte er verwirrt auf seine Hände. Ob als er selbst nicht glauben könnte, dass das Wunder passiert ist und mit seinen Händen gemacht wurde. Ja, das Wunder… Die meisten in Literatur beschriebenen Fälle der ähnlichen Infektion endeten letal. Patienten überlebten Operationen nicht. Leichtere Patienten, als ich… Aber ich überlebte! Ist das kein Wunder? Das von den Händen der konkreten Menschen gemachte Wunder…

Fünf Monate lang sah ich unterschiedlichen Bushnaq. Zwischen Operationen, im offenen Kittel über einem chirurgischen Anzug, laufend und einen Apfel kauend… Wütend: „Wer nahm die Hälfte Nähte weg? Warum ohne meine Erlaubnis?!" Das ist sein Hauptprinzip: wenn ER einen Patient übernimmt, macht ER alles von A bis Z. Ich sah Bushnaq-Philosoph, ich sah ihn müde nach einer langen Operation, als er mit einem Stöhnen in den Sessel brach, und als Rezept-Formulare notwendig waren, rutschte er mit dem Sessel in den Flur – es gab keine Kräfte aufzustehen. Ich sah Bushnaq unterschiedlich… Das Bild „Gavrysheva wartet stundenlang auf Dr. Bushnaq beim Ambulanz" ist für das ganze Personal gewöhnlich geworden. Aber… es ist die Zeit gekommen, abzufahren…


Wir haben uns sehr herzlich verabschiedet. Er strahlte und lächelte an diesem Tag, lächelte aufrichtig und offen. „Danke mir nicht, ich machte einfach meine Arbeit", – sagte er, seine Augen strahlten aber stolz. Meine Mutter hat ihm einen Schal zum Andenken gestrickt. Das Geschenk abgebend, sagte sie sorgfältig ihr Dank-Wort auf Englisch. Nach jedem Satz sagte Bushnaq „yeeees", um klar zu machen, dass er sie versteht. „Doktor Bushnaq, Sie haben goldene Hände", – sagte Mama. „Yeeees" – dehnte Bushnaq. Ich konnte nicht widerstehen und kicherte, er blickte auf mich, verstand, was er sagte, und hastete: „Oh, nein, nein! Nichts Besonderes". Ich lachte laut und er lächelte wieder glücklich. Zum Schluss machte er sogar eine Bewegung nach vorne – entweder die Hand zu nehmen, oder umzuarmen, blieb aber stehen… Fünf Monate lang ließ er mich nicht näher als auf Armlänge. 

6. Dezember. Eine Routine-Kontrolle in Kiew. Und… ein Loch in der Herz-Wand, durch das sich das Blut in eine Tasche beim Herzen auswirft… Wir schrieben Bushnaq… Seine Antwort: „Keine Panik! Menschen mit Löchern im Herzen leben nicht!!!" – die Antwort hatte untypisch viele Ausrufezeichen. Später sagt er: „Als ich diesen Brief bekam, dachte ich, es sei ein schlechtes Scherz". „Das ist ein Fehler, – wiederholte er, – und wenn das wahr ist, kann ich nicht helfen, ich bin kein Zauberer".

20. Dezember, Ambulanz… Er guckt auf mich wieder nicht… spricht mit kurzen Sätzen… genau so, wie damals, vor sieben Monaten, während der ersten Beratung.

- Was können wir mit meinem Problem machen? 

- Nichts!!! Eine Operation überlebst du nicht! Jetzt fühlst du dich gut, leb! Wenn es schlechter wird, operiere ich, – ein Blick in den Boden. Er weiß ganz gut: wenn es schlechter wird, schaffe ich nicht, hierher zu kommen.

- Vielleicht könnten wir Untersuchungen machen und wenigstens Diagnose bestätigen?

- Wozu braust du das, Geld auszugeben? Die Untersuchung ändert nichts. Gut, wenn du willst, CT und Ultraschall. Okay? Gut, – und ging aus dem Zimmer, ohne sich zu verabschieden. Ich hörte ihn Termine für Untersuchungen zu vereinbaren. „Ukrainische Kollegen glauben, da sei ein Loch". Er glaubte immer noch nicht, dass es wahr ist…

21. Dezember. Ultraschall des Herzens. Erste Bilder erschienen auf dem Bildschirm, der total ausgeflippte Kardiolog pfiff. Im Zimmer erschien Bushnaq, guckte auf den Bildschirm… und ist momentan grau geworden… Die letzten Illusionen wurden ruiniert… Er setzte sich vor den Bildschirm, ohne mich zu grüßen, er guckte auf mich überhaupt nicht. Nur auf den Bildschirm… Als man anfing, mich zum Ultraschall über Speiseröhre zu vorbereiten, setzte er sich in die Ecke, um nicht zu stören. Und in einem Moment blickte ich auf ihn und verstand: ich sehe mein Spiegelbild. Er saß, sich nach vorne neigend, die Ellbogen auf die Knie stellend, das Gesicht mit Händen schließend, und guckte in einen Punkt. Ganz genau meine Verzweiflung-Pose. Und gleichzeitig verstand ich, dass alle seine Absonderlichkeiten gleich mit meinen sind. Nach Charakter und Verhalten ist er meine Kopie. Distanz in Beziehungen, Hyperverantwortlichkeit, Offenheit, Pragmatismus, der bis zum Zynismus geht… Er ist genauso wie ich. Und jetzt ist er im Verzweifeln… In die Narkose durchfallend, wiederholte ich mir: „Das ist kein Ende, kein Ende, eine Lösung wird gefunden, bestimmt gefunden"… Ich weiß nicht, wem ich das adressierte: mir selbst oder meinem Spiegelbild Bushnaq.

Er fand eine Lösung… Und freute sich wie ein Junge. Und lächelte. Und fing wieder an, bezüglich meiner Situation „wir" zu sagen. „Uns, dir und mir…" – lustig und herzbewegend. Er fing an, über seine Gefühle zu sprechen, darüber, was diese Situation für ihn persönlich bedeutet. Darüber sprach er zum ersten Mal seit unserem Kennenlernen. Er, der hochklassige Chirurg fürchtete, dass ich ihn im Geschehenen vorwerfe. „Das ist keine Schuld von jemandem", – sagte ich, und seine Augen mit Freude strahlten. Er nannte mich verrückt, als er erfuhr, dass ich ohne Geld kam, und gleichzeitig überredete andere Ärzte, meine Untersuchungen kostenlos zu machen. Während seines Urlaubs (!) telefonierte er mit Kollegen und kam mit ihnen zur Klinik, um sich CT anzuschauen und Behandlungs-Varianten zu besprechen. Wozu brauchte das alles Doktor Bushnaq? Ich weiß nicht. Vielleicht brauchte das Hasan Bushnaq – der Mensch, der einfach will, dass ich lebe?

Meine Freundin Manya nennt regelmäßig Buchnaq „Professor" in ihren Texten über mich. Das wird er kaum irgendwann… Um ein Professor zu werden, muss man wissenschaftliche Artikel haben. Mein Bushnaq schreibt keine Artikel, er steht ganze Tage im OP. Er wählt keine „diplomatischen" oder weichen Aussagen aus, von seiner Offenheit kommt manchmal Gänsehaut. Aber wenn er lächelt… Er ist unglaublich charmant, wenn er lächelt!

Mein Bushnaq… Wer ist er für mich? Es ist schwer, mit Wörtern zu äußern. Das ist ein Mensch, der mir eine Chance gab. Das ist auch ein Arzt, der mit eigenen Händen ein Wunder schaffte. Wer machte für mich mehr – Bushnaq-Mensch oder Bushnaq-Arzt? Ich weiß nicht, sie haben beide unglaublich viel gemacht. Dank Bemühungen von Bushnaq lebte ich dieses halbe Jahr. Jetzt hängt es wieder von ihm ab, ob für mich „morgen" kommt. Ja, er ist Arzt, kein Zauberer, er kann das Unmögliche nicht tun. Aber ich glaube an ihn. An Dr. Bushnaq, Super-Spezialist, und an Hasan Bushnaq, nicht indifferenten Mensch. Und ich liebe ihn unabhängig davon, wie diese Geschichte endet. Weil er mein Spiegelbild ist, weil er mein Bushnaq ist!

Geschrieben – 24. Januar 2011. Vor der Operation für Defekt-Schließen – 7 Tage.

Von Autorin bearbeitet und von Dolmetscherin ins Deutsche übersetzt – 6. April 2011. Nach der Operation – 65 Tage.


Kategorie: Über Leute | Hinzugefügt von: Irinka (06.04.2011) | Autor: Iryna Gavrysheva
Aufrufe: 26129 | Kommentare: 16 | Rating: 5.0/1
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