Hauptseite
Registrieren
Login
Donnerstag
24.08.2017
02:01
Willkommen Gast | RSS
Notizen vom Pterodaktylus

Menü

Kategorien der Rubrik
Verschiedenes [5]
FLUCHT VOM TOD [6]
Serie der Erinnerungs-Erzählungen
Über Leute [3]
Leute in meinem Leben

Statistik

Insgesamt online: 1
Gäste: 1
Benutzer: 0


Einloggen

 Artikelverzeichnis 
Hauptseite » Artikel » FLUCHT VOM TOD

Warum ich?

Es war spät nachts… Ich machte meine Augen auf… Meine Mama saß neben meinem Bett auf dem Stuhl, ohne den Blick von mir abzulenken. Unter dem Bett stand eine Tischlampe und gab schwache Schimmer, dank ihr war es im Zimmer nicht ganz dunkel. Eine Lichtstreife fiel auch in den Flur. Ich guckte auf den schwachen Schimmer auf dem Boden vom Flur und sah auch noch eine ähnliche Lichtstreife. Ich wusste, woher sie kommt: in einem anderen Zimmer sitzt genau so eine andere Mutter neben ihrem sterbenden Kind. Sie sitzt schon mehrere Nächte, genauso wie meine Mutter, sitzt nicht nur nachts, sondern auch tags, isst nicht, schläft nicht… nur sitzt, ohne die Augen von irrem Sohn abzuwenden…

Es war mir schwer zu atmen… ich konnte mich nicht selbst im Bett drehen. Wegen des ständigen Liegens in einer Pose ist mein Körper taub geworden und ließ mich nicht schlafen. Und meine Mama hat gerade eingeschlafen, auf dem Stuhl neben mir sitzend. Sie schläft schon mehrere Tage so bruchstückhaft. Ich wollte sie nicht wecken, damit sie mich umdreht, deshalb lag ich ruhig…

Ich guckte auf die Lichtstreife aus dem anderen Zimmer und versuchte nach Kräften, ein Bild aus dem Kopf wegzujagen, das ich vor einer Woche sah…

Mich trug man in die Abteilung mit Händen ein, unterwegs sah ich aber Tante Tanja. „Wowa lebt, er lebt! Hurra!" – ich wusste: da die Mutter von meinem Freund Wowa da ist, ist er auch da, das heißt – er lebt noch. Trotz Allem… Zuerst bat ich Tante Tanja, Wowa zu sagen, dass ich da bin, damit er kommt und wir sprechen. Sie senkte die Augen und sagte:

– Es ist ihm schlecht, er kann nicht kommen.

– Gut, dann komme ich zu ihm, darf ich? – Tante Tanja blickte kurz auf meine Mama, dann auf mich… In ihrem Blick gab’s etwas Erschreckendes…

– Ira, ich denke, das musst du nicht sehen. Du verstehst nicht, es ist ihm SEHR schlecht.

– Na, wenn ich ihn nicht stören darf, dann…

– Nein, es ist wahrscheinlich nicht mehr möglich, ihn zu stören… – ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Sie und meine Mama gingen zusammen aus dem Zimmer. Ich wusste, dass sie zu Wowa gingen, ich wollte auch mit. Aber ich konnte mich sogar nicht selbst setzen… Als Mama zurückkam, sah ich, dass sie weint. „Es ist wirklich besser, dass du das nicht siehst!" – das war das Einzige, was ich von ihr hörte, bevor sie anfing zu schluchzen. Aber ich war aus der komischen Kinder-Naivität immer noch überzeugt, dass es mit Wowa nichts Furchtbares passieren könne, dass ich mit ihm sprechen könne… Ich habe Mama überredet, mich mit Händen zu Wowa zu bringen…

Auf dem Bett lag der Körper meines Freundes. Der ausgemergelte Körper. An ein Auge wurde eine Binde geklebt, sie war groß, bluttriefend und ragte nach oben heraus. Ich wusste schon, dass es unter dieser Binde kein Auge mehr gibt, es hat man wegen Sarkome der Augenhöhle entfernt, mit einer Hoffnung, wenigstens das Leben von Wowa zu retten. Das zweite Auge war auf und guckte in irgendeinen Punkt an der Decke. Ich wurde neben Wowa gesetzt, er wandte aber keinen Blick auf mich…

– Hallo, Wowa! Wie geht’s? – ich berührte seine Hand, er guckte aber immer noch durch die Decke.

Ira, er saß vor zwei Wochen, sah mit allen Anderen fern, kam danach ins Zimmer, beschwerte sich über Kopfschmerzen und legte sich hin. Ich ging Wasser zu bringen, um ihm eine Tablette zu geben. Als ich zurückkam, guckte er schon so durch mich und antwortete nicht mehr, – Tante Tanja wischte Tränen schnell ab. – Wowa, guck mal! Ira kam zu dir! Wende dich mal an sie!

Wowa reagierte aber nicht. Ich guckte erschrocken auf ihn. Ist das alles, was von meinem Freund blieb, der die ganze Abteilung mit seinen Witzen amüsierte? Zum Beispiel: ich rief ihn, mit uns zu spielen, aber er musste die letzten 100 gr hassenswerter Chemie nachtropfen und sagte: „ Ich breche gleich fertig und komme". Immer so fröhlich und lachhaft… Vier Jahre Kampf gegen Sarkome der Augenhöhle – ergebnislos. Operation nach Operation, der Tumor wuchs aber weiter. Strahlungstherapie – er wuchs weiter. Chemie nach Chemie, und inzwischen – trotzdem Operationen, um wenigstens den Teil des Tumors zu beseitigen, der das Gehirn drucken konnte. Die letzten zwei Jahre lief der Kampf nicht mehr für eine Besserung, diese war unmöglich. Die ganze Behandlung, alle Quälen waren nur dafür, dem Tod noch ein paar Monate zu gewinnen. Das erfuhr ich erst jetzt, vorher war ich sicher, dass Wowa nach der erfolgreichen Chemotherapie endlich von hier für immer geht, dass seine Haare nachwachsen, die es auf seinem Kopf diese vier Jahre nicht gab. Aber alles, davon ich träumte, war eine Utopie… Der Tumor ist ins Gehirn durchgewachsen, Wowa fiel ins Koma. Sein Tod ist nur Zeitfrage. Es war unmöglich, das zu akzeptieren…

Tante Tanja ging aus dem Zimmer aus, und ich zupfte Wowa’s Hand immer ausdauernder und bat ihn: „Wowa, guck mal auf mich! Bitte!" Plötzlich wandte er seinen Blick auf mich. Den ganz bewussten Blick!!! Ich drückte ihm die Hand: „Wowa, hallo!" Zur Antwort bog er leicht seine Finger im Versuch, meine Hand auch zu drücken. Er lächelte und bewegte ein paar Mal seine Lippen, ich hörte aber keine Wörter. „Wowa, alles ist gut! Siehst du, ich bin wieder da! Ich brachte Spiele mit, du sollst gesund werden und wir spielen zusammen…" Sein Lächeln ist noch breiter geworden und das gesunde Auge blinzelte oftmals. Ich saß und erzählte ihm etwas, ohne meinen Blick von seinem Gesicht abzuwenden. Damals wollte ich stark glauben, dass sich alle irrten, dass sein Koma kurzfristig gewesen sei und jetzt alles besser werden soll. Plötzlich ging sein Blick krampfartig nach oben, das Augenlid ging zu und zitterte. Als das Auge wieder auf ging, guckte es wieder durch die Decke. Ich neigte mich über ihm, zupfte seine Hand, rief ihn. Er hörte mich aber nicht mehr…

Seitdem ist eine Woche vergangen. In dieser Zeit ist Wowa niemals bewusst geworden. Ich war die einzige, auf wen er irgendwie reagierte. Er starb… ich starb auch. Ohne mich selbst setzen zu können, hörte ich tagelang gespannt hin, was dort, in seinem Zimmer passiert. Ich glaubte immer noch daran, dass er dem Tod auch diesmal gewinnt. Anders konnte es einfach nicht sein!

Es ist schon draußen grau geworden, als ich in den schweren Schlaf sank. Ich träumte davon, dass ich durch ein Gebäude gehe, das wie eine Schule aussieht. Flure waren leer, in Klassen waren aber Kinder. Viele Kinder… Ich ging und wusste nicht, in welche Klasse ich sollte, und bemerkte plötzlich, dass Wowa vorbei geht. Ich folgte ihm, weil ich mich entschied: da es hier alles mir unbekannt ist, gehe ich in dieselbe Klasse wie Wowa. Er machte die Klassentür auf, dort saßen viele Kinder verschiedenes Alters. Ich guckte auf ihre Gesichte und verstand: das sind jene, die in der Hämatologie-Abteilung starben. Obwohl unter ihnen auch jene waren, die meiner Meinung nach noch leben sollten (später klärte ich aber, dass sie damals schon tot waren). Wowa übertrat sicher die Schwelle

– Wowa, gehe nicht dorthin, dort sind alle tot, du lebst aber noch!

– Ira, mir wurde gesagt, da soll ich sein, da ist mein Platz. Guck mal, – er gab mir ein Papierchen, – da steht deutlich: ich soll in diese Klasse rein.

– Dann warte, ich will mit!

– Zeig deine Zulassung.

Ich gab ihm ein Papierchen, das aus dem Nichts erschien.

– Nein, du darfst da nicht rein! Du musst weiter gehen! – Wowa gab mir das Papierchen zurück.

– Aber warum? Ich will mit dir bleiben, ich weiß nicht, was dort weiter ist, ich würde lieber da bleiben, – ich fang irgendwie an, zu weinen.

– Nein, Ira… Es wird nicht von uns entschieden, wohin wir gehen sollen… – Wowa lächelte, schwenkte mir und ging ins Zimmer…

Ich wachte auf… Es war unruhig in der Seele. Ich wusste genau: etwas passiert bald… Vom frühen Morgen ging es Wowa nicht gut… Ich sah die Krankenschwestern zu ihm mit Sauerstoffkissen laufen und Tropfer in sein Zimmer bringen. Und ich… Ich keuchte immer starker jede Stunde, jede Minute. So ging es, bis ich Mittags wegen Atemnot Bewusstsein verlor…

Als ich Augen aufmachte, neigte sich über mir ein unbekannter Mensch mit dem sehr unruhigen Gesicht. Ich wollte fragen, was passierte, konnte aber nicht sprechen: zu meinem Gesicht war eine Maske gedrückt, durch die die Luft in meine Lungen kam. Der Arzt drückte einen speziellen Sack und machte mir Beatmung. Ich schüttelte den Kopf, der Arzt lächelte mir aber freundlich und sagte: „Lieg so. Ich helfe dir zu atmen, deine Muskeln erholen sich gleichzeitig. Später ist es dir leichter, selbst zu atmen". Ich lag und blickte auf die Rundum. Auf dem Schild des Mannes las ich: „Intensivstation". Meine Mama guckte in die offene Tür, auf ihren Wangen flossen Tränen. Sie wandte ihren Blick, wenn ich auf sie guckte. Etwas passierte… Das empfand ich fast physikalisch. Ärzte der Intensivstation gingen weg, ich hörte sie im Flur der Oberärztin sagen: „Noch ein bisschen – und das Mädchen hätte sterben können".

Mama kam ins Zimmer zurück… Sie wischte sich sorgfältig die Tränen. Als ich sie sah, erinnerte ich mich sehr deutlich daran, dass ich vor dem Bewusstverloren hörte, wie Tanta Tanja im Flur schreite: „Hilfe!!!" In mir ist alles kalt geworden, ich blickte in Mama’s Augen und fragte: „Wie geht es Wowa?" Sie schüttelte den Kopf und weinte. Mehr musste sie nichts sagen, ich verstand alles. Ich weinte nicht… Dafür hatte ich keine Kräfte – weder geistige noch körperliche. Mit der eiskalten Stimme fragte ich: „Wann?" Mama guckte auf mich schuldig und antwortete: „Es ist euch beiden fast gleichzeitig schlecht geworden. Wowa eine halbe Minute früher. Man rief ihm Ärzte aus der Intensivstation, als sie kamen, atmetest du aber nicht mehr. Ärzte haben sich entschieden, dich zu retten"… Mama konnte nichts mehr sagen, Schluchzen erstickte sie. Und ich erinnerte mich deutlich an meinen Nachttraum und ans Zimmer, in das ich mit Wowa eintreten wollte, er ließ mich aber nicht… „Es wird nicht von uns entschieden, wohin wir gehen sollen"… Diese Wörter beschrieben das Geschehene am besten. Nicht wir (Wowa und ich) trafen die Entscheidung, wer leben bleibt, diese Wahl haben die Reanimatologen für uns gemacht. Und ich lebte aus, Wowa aber nicht. Unerträgliche Schmerzen zuckten mich durch, ich weinte und schrie: „Warum ich?!" Ich schämte mich, weil ich auslebte, weil Wowa "abgeschrieben" wurde, ohne dass man ihm eine Chance gab. Wir hatten eine Chance für uns zwei, und sie wurde mir abgegeben. Warum??? Warum wurde für mein Leben mit dem von Wowa bezahlt?!

Später erfuhr ich, dass es in der Abteilung nicht der erste Fall ist (und ich fürchte, nicht der letzte), dass Ärzte der Intensivstation wählen müssen, wer von Kindern gerettet werden soll… Wie auf einem Krieg. Das eine Kind lebt aus, das andere stirbt. Viele Jahre sind vergangen, mich quält aber immer noch die Frage: „Warum lebte ich damals aus, nicht mein Freund?"… 


Kategorie: FLUCHT VOM TOD | Hinzugefügt von: Irinka (03.06.2011) | Autor: Iryna Gavrysheva
Aufrufe: 826 | Kommentare: 1 | Rating: 0.0/0
Kommentare insgesamt: 0
Vorname *:
Email *:
Code *:

Banners

Suche

Copyright MyCorp © 2017
Kostenlos Homepage erstellen mit uCoz